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Die Win-Rate ist dein durchschnittlicher Gewinn pro Spieleinheit über die lange Distanz. Im Cash-Poker wird sie in BB/100 (Big Blinds pro 100 Hände) gemessen, bei MTTs als ROI (Return on Investment, % des Buy-ins). Sie ist eine statistische Größe, die sich erst nach 50.000–100.000 Cash-Händen oder 1.000+ MTTs stabilisiert.
Win-Rate (Winrate)
Ein Spieler gewinnt $500 bei NL10 in 5.000 Händen und postet stolz im Forum: "+10 BB/100, ich bin definitiv ein gewinnender Spieler." Nach 50.000 Händen liegt er bei +2,3 BB/100. Nach 200.000 Händen stabilisiert sich der Wert bei +1,8 BB/100. Die ursprüngliche Zahl war Varianz-Rauschen, die echte Win-Rate liegt fünfmal niedriger. Kein Pessimismus, sondern schlichte Stichprobenmathematik. Wer nicht versteht, wie Win-Rate funktioniert und wie viele Hände für eine belastbare Schätzung nötig sind, überschätzt in Upswings systematisch sein Können und geht in Downswings systematisch auf Tilt.
Was das überhaupt bedeutet
Win-Rate ist dein durchschnittlicher Gewinn pro Spieleinheit über die lange Distanz. Nicht das Ergebnis eines Tages. Nicht das einer Woche. Nicht das einer einzelnen Session. Win-Rate ist eine konvergierende Statistik, die eine große Stichprobenmenge voraussetzt.
Das Messformat hängt vom Spieltyp ab:
- Cash Games: BB/100 (Big Blinds pro 100 Hände). NL50 +3 BB/100 bedeutet +$1,50 pro 100 Hände.
- MTT (Multi-Table Turniere): ROI (Return on Investment), der prozentuale Rückfluss auf den Buy-in. 30 % ROI heißt: Auf jeden investierten $1 erhältst du im Schnitt $1,30 zurück.
- SnG (Sit-and-Go): ebenfalls ROI, in der Regel niedriger wegen Rake und höherem Spieltempo.
- $/Stunde: relevant für Live-Cash und zum Vergleich verschiedener Formate auf einer einheitlichen Skala.
Alle Metriken messen dasselbe: deinen echten Skill, bereinigt um Glück. Je größer die Stichprobe, desto präziser spiegelt die Win-Rate deinen realen Edge wider.
Das Grundverständnis von Win-Rate löst ein klassisches Problem: Anfänger sehen das Ergebnis einer Session und ziehen sofort Schlüsse daraus. "Heute $200 gewonnen, ich bin gut." "Heute $200 verloren, ich bin hoffnungslos." Bei einer echten Stichprobe von 1.000 Händen entsprechen 200 BB Differenz einer normalen ±2-Sigma-Abweichung, nicht einem Skillunterschied. Wer das nicht verinnerlicht hat, reagiert auf Rauschen emotional.
Metriken: BB/100, ROI, $/Stunde
BB/100 (Cash Games). Die verbreitetste Metrik. Du nimmst alle Gewinne und Verluste in BB, teilst durch die Gesamtzahl gespielter Hände und multiplizierst mit 100. Wer auf NL50 (1 BB = $0,50) bei 5.000 Händen $250 gewonnen hat, kommt auf (500 BB / 5.000 Hände) × 100 = 10 BB/100. Das Format normalisiert verschiedene Stakes: 10 BB/100 auf NL10 sind $1/100 Hände, auf NL500 dagegen $50/100 Hände.
ROI (Turniere). ROI = (Gewinne − Buy-ins) / Buy-ins × 100 %. Wer 100 Turniere à $50 gespielt ($5,000 investiert) und $6,500 eingenommen hat, erzielt einen ROI von 30 %. Standard für MTTs und SnGs. Zeit wird dabei nicht berücksichtigt: Ein MTT mit 30 % ROI kann weniger rentabel sein als ein vergleichbares Cash Game, wenn das Turnier acht statt zwei Stunden dauert.
$/Stunde. Relevant für Live-Cash oder um alle Formate direkt vergleichbar zu machen. Stundensatz = durchschnittlicher Tagesgewinn / gespielte Stunden. NL2/5 Live-Cash in Las Vegas bringt einem Stammspieler auf Top-Niveau $30–50/Stunde. NL10 online auf vier Tischen gleichzeitig: $15–25/Stunde. Live $100/200 bei den stärksten Profis: $200–1.000/Stunde.
Net BB/100 (nach Rake). Die ehrlichste Metrik. Sie enthält den tatsächlich gezahlten Rake. Wer 5 BB/100 vor Rake gewinnt, aber 3 BB/100 Rake abgibt, kommt netto auf 2 BB/100. Das variiert je nach Plattform: PokerStars nimmt weniger Rake als ggpoker, Live-Cash liegt unter Online-Niveaus.
Alle Metriken hängen zusammen. Auf NL50 mit 3 BB/100 bei 1.500 Händen pro Stunde ergibt das $22,50/Stunde. Auf NL200 (1 BB = $2) mit 2 BB/100 bei 1.000 Händen pro Stunde sind es $40/Stunde. Der Stundenvergleich sagt oft mehr über den echten Vorteil aus als reines BB/100 für sich genommen.
Stichprobengröße: Wie viele Hände braucht man wirklich?
Win-Rate ist eine statistische Schätzung mit Konfidenzintervall. Je weniger Hände, desto breiter das Intervall und desto lauter das Rauschen.
Die Formel für das 95%-Konfidenzintervall:
CI = real_winrate ± 1,96 × sigma / sqrt(N)
Dabei ist sigma die Standardabweichung der Win-Rate (für NL-Cash-Games typischerweise 80–120 BB/100), N die Anzahl der Hände.
Konkrete Zahlen für NL-Cash mit sigma = 100:
- 10.000 Hände: CI ±19,6 BB/100. Wer "+10 BB/100" sieht, bewegt sich real zwischen −10 und +30. Völlig wertlose Aussage.
- 50.000 Hände: CI ±8,8 BB/100. Beginnt nützlich zu werden.
- 100.000 Hände: CI ±6,2 BB/100. Brauchbar, aber noch nicht präzise.
- 250.000 Hände: CI ±3,9 BB/100. Für die meisten praktischen Zwecke ausreichend.
- 500.000 Hände: CI ±2,8 BB/100. Belastbare Einschätzung.
- 1.000.000+ Hände: CI ±2,0 BB/100. Zuverlässigkeit auf Profiniveau.
Was das praktisch bedeutet:
- 10.000 Hände: keine Schlüsse über Skill. Das ist Rauschen.
- 50.000 Hände: grobe Orientierung, aber nicht übergewichten.
- 100.000 Hände: Bankroll-Planung wird möglich.
- 250.000+ Hände: belastbare Einschätzung des Edges, Stakes-Wechsel lassen sich fundiert entscheiden.
- 500.000+ Hände: solide Basis für langfristige Planung.
Turniere sind wegen der niedrigen Quote, im Geld zu landen, noch komplizierter. Richtwerte für MTT-ROI:
- 100 MTTs: riesiges Intervall, Einschätzung wertlos.
- 500 MTTs: beginnt nützlich zu werden.
- 1.000 MTTs: erste belastbare Aussagen über den Edge.
- 3.000+ MTTs: verlässliche Einschätzung.
Den Varianz-Simulator nutzen, um die eigene Stichprobe zu modellieren und zu verstehen, wie das aktuelle Ergebnis in die erwartete Varianz einzuordnen ist.
Win-Rate nach Stakes 2026
Reale Win-Rate-Spannen für 2024–2026 in den wichtigsten Online-Cash-Games (PokerStars, GGPoker, WPT Global):
NL2–NL5 (Mikrolimits): Stammspieler auf Top-Niveau 8–15 BB/100, Durchschnitt 3–7 BB/100, Freizeitspieler −10 bis −30 BB/100. Der Edge für disziplinierte Spieler ist hier enorm, weil der Anteil schwacher Gegner hoch ist.
NL10–NL25: Top 5–9 BB/100, Durchschnitt 2–4 BB/100. Der Einstieg ins ernsthafte Segment. Bei vier Tischen gleichzeitig sind $15–30/Stunde realistisch.
NL50–NL100: Top 3–6 BB/100, Durchschnitt 1–3 BB/100. Die Stammspieler hier kennen die GTO-Grundlagen, der Edge schrumpft. $30–60/Stunde bei solider Win-Rate.
NL200–NL500: Top 2–4 BB/100, Durchschnitt 0,5–2 BB/100. Professionelles Niveau. Erfordert Range-Balancing, gemischte Strategien und Solver-Arbeit. $50–150/Stunde.
NL1K+: Top 1–3 BB/100, Durchschnitt nahe der Gewinnschwelle. High-Stakes-Stammspieler verdienen nicht nur über die Win-Rate, sondern auch über Rakeback, weiche Fish-Events und Promo-Rotationen. $100–1.000/Stunde.
ROI-Spannen in MTTs:
- Mikro-MTT ($1–5): Top 50–100% ROI, Durchschnitt 20–40%.
- Low MTT ($10–30): Top 30–60%, Durchschnitt 10–25%.
- Mid MTT ($50–200): Top 15–30%, Durchschnitt 5–15%.
- High MTT ($500–2K): Top 8–15%, Durchschnitt 2–8%.
- Super High MTT ($5K+): Top 5–10%, der Rest oft nahe der Gewinnschwelle.
Wichtig: Die Win-Rate sinkt mit steigenden Stakes, aber der Stundenverdienst in Dollar steigt wegen der höheren Buy-ins. Das war schon immer so und zieht sich durch die gesamte Pokergeschichte.
Varianz: Win-Rate ist kein gleichmäßiges Einkommen
Win-Rate ist ein Durchschnitt. Die tatsächlichen Ergebnisse streuen durch die Varianz um diesen Mittelwert. Die Standardabweichung im NL-Cash liegt typischerweise bei 80–120 BB/100. Das bedeutet: Das reale Ergebnis über 100 Hände kann bei einer wahren Win-Rate von +5 BB/100 zwischen −100 und +110 BB schwanken.
Konkrete Downswing-Beispiele:
Win-Rate +5 BB/100, Sigma 100, 10.000 Hände:
- Erwartetes Ergebnis: +50 BB
- Medianer Downswing über 10.000 Hände: −200 BB
- Schlimmster Downswing (95. Perzentil): −400 BB
- Schlimmster Downswing in einer langen Karriere (100K Hände): −700 BB
Das heißt: Selbst ein gewinnender Spieler mit +5 BB/100 wird regelmäßig Downswings von −400 BB durchleben. Bei NL50 entspricht das −$200 innerhalb einer oder zwei Wochen. Viele halten das psychologisch nicht durch und hören auf zu spielen.
Win-Rate +2 BB/100, Sigma 100, 10.000 Hände:
- Schlimmster Downswing: −600 BB.
- Bei niedriger Win-Rate werden die Downswings extrem lang und tief.
Eine ausführliche Analyse dazu gibt es unter Varianz und Standardabweichung.
Der Zusammenhang zwischen Win-Rate und Varianz ist entscheidend für die Bankroll-Planung. Je niedriger die Win-Rate im Verhältnis zur Varianz, desto größer muss die Bankroll sein. Die Formel: Für 5 % Risk of Ruin gilt Bankroll = 4 × Varianz² / Win-Rate (in BB). Bei +5 BB/100 mit Sigma 100 ergibt das 4 × 10.000 / 5 = 8.000 BB = 80 Buy-ins. Bei +2 BB/100 mit demselben Sigma werden 200 Buy-ins benötigt. Eine niedrige Win-Rate verlangt eine deutlich dickere Bankroll.
Tools für das Win-Rate-Tracking
PokerTracker 4 (PT4). Der meistgenutzte Tracker. Importiert Handhistorien von PokerStars, GGPoker und partypoker. Berechnet BB/100, EV BB/100 (theoretische Win-Rate ohne Varianzeinfluss), aufgeschlüsselt nach Position und Einsatzhöhe. Einmallizenz $99.
Holdem Manager 3 (HM3). Der direkte Konkurrent zu PT4. Gleicher Funktionsumfang, andere Oberfläche. Viele Spieler bevorzugen HM3 wegen der schnelleren Handsuche. Lizenz $80–120.
DriveHud. Günstiger ($30–50), solider Einsteiger-Tracker für Mikro- und Low-Stakes. Weniger Profi-Funktionen, für grundlegendes Win-Rate-Tracking aber völlig ausreichend.
Hand2Note. Moderner Tracker mit integrierter Solver-Anbindung. Lizenz $60–100. Besonders beliebt bei ernsthaften Stammspielern wegen der flexiblen HUD-Konfiguration.
Integrierter Tracker des Poker-Clients. PokerStars zeigt Basisstatistiken direkt im Client, ohne tiefgehende HUD-Funktionen oder Filter. Für ernsthafte Analyse ungeeignet, taugt allenfalls für einen schnellen Überblick.
Für MTTs kommen ergänzend PokerNet (Sharkscope) und PocketFives ins Spiel, um den eigenen ROI einzuordnen und sich mit der Turnier-Community zu messen. Die PocketFives-Rankings zeigen, wo man in der globalen MTT-Tabelle steht.
Im Live-Cash sind Tracker nicht anwendbar. Dort helfen mobile Apps wie Poker Income oder schlicht handschriftliche Notizen, um Sessions zu erfassen und BB/100 anschließend manuell zu berechnen. Live-Stichproben wachsen deutlich langsamer als online, weshalb das Konfidenzintervall selbst nach einem Jahr Spielpraxis breit bleibt.
Cash vs. MTT: grundlegend verschiedene Metriken
Cash Games und MTTs lassen sich nicht mit denselben Kennzahlen direkt vergleichen.
Cash Games: Win-Rate wird pro 100 Hände gemessen, Sigma liegt bei 80–120 BB/100. Große Stichproben sammeln sich schnell an; beim Multi-Tabling sind 10.000 Hände pro Tag realistisch.
MTT: Win-Rate wird als ROI pro Turnier gemessen. Die Varianz ist dramatisch höher, weil 85–95 % aller Turniere mit null enden. Nur 5–15 % der Turniere bringen ein positives Ergebnis. Für eine belastbare Einschätzung braucht man Tausende von Turnieren.
Konkrete MTT-Statistik: Bei 1.000 MTTs mit 20 % ROI reicht das tatsächliche 95 %-Konfidenzintervall von −10 % bis +50 %. Ein Spieler mit echtem +20 % ROI kann nach 1.000 Turnieren auf dem Papier wie ein Verlustbringer aussehen. Diese Größenordnung an Varianz existiert im Cash-Bereich schlicht nicht. MTT erfordert starke Nerven und einen dicken Puffer.
Eine Alternative zum MTT sind Sit-and-Gos (SnGs). Sie sind kürzer (30–60 Minuten gegenüber 4–8 Stunden bei MTTs), die Varianz ist geringer, weil die Quote, im Geld zu landen, bei 30–40 % statt 10–15 % liegt. Der ROI fällt niedriger aus (20–40 % statt 20–100 % bei guten MTTs). SnGs eignen sich gut, um die Stichprobengröße schneller aufzubauen, besonders für Einsteiger mit kleinem Bankroll.
Live vs. Online: verschiedene Rhythmen, verschiedene Win-Rates
Live-Cash: deutlich langsamer – 25–40 Hände/Stunde gegenüber 1.000+ online. Die Win-Rate in BB/100 kann dabei gewaltig wirken (+15 BB/100 für Top-Grinder), der $/Stunde ist aber vergleichbar mit Online-NL100–200, weil die Handfrequenz schlicht niedrig ist. Das Edge-Potenzial ist enorm, da Freizeitspieler im Live-Bereich deutlich schwächer sind als der durchschnittliche Online-Gegner. $1/3 live entspricht im Edge in etwa NL100 online – nur dass man durch den breiteren Pool schwacher Mitspieler real $30–60/Stunde mitnimmt.
Live-MTT: Der ROI liegt höher als bei Online-MTTs gleicher Buy-in-Höhe, weil das Teilnehmerfeld auf Turnieren mit hohem Buy-in schwächer besetzt ist. Das WSOP Main Event ($10,000 Buy-in) zieht jedes Jahr rund 30 % Freizeitspieler an. Top-Profis erzielen dort 50–100 % ROI, verglichen mit 10–15 % bei Online-MTTs für $10,000. Der Nachteil: enorme Varianz durch die kleine Stichprobengröße – mehr als 10–30 High-Roller-MTTs im Jahr sind kaum drin.
Online-Cash: hohe Geschwindigkeit beim Aufbau der Stichprobe, vergleichsweise niedriger $/Stunde gemessen an Live-Highstakes, dafür aber skalierbar. Wer vier bis acht Tische gleichzeitig bespielt, erhöht den effektiven Stundenverdienst spürbar.
Online-MTT: dieselbe Varianzproblematik wie im Live-Bereich, aber die Stichprobe wächst schneller. Wer innerhalb eines Jahres einen Bankroll von $10,000 aufbauen will, kann das mit Online-MTTs nach 2.000+ Turnieren realistisch schaffen. Im Live-Bereich dauert derselbe Weg Jahre.
Win-Rate gezielt verbessern
Solver-Arbeit. PioSolver, GTO+ und MonkerSolver bilden optimales Spiel ab. Die eigenen Entscheidungen mit den Solver-Empfehlungen vergleichen – jede Abweichung kostet oft bares Geld. Einsteiger sollten mit den grundlegenden Spots beginnen: 3-Bet-Pots und Continuation-Bet-Sizing.
Handanalyse mit Tracker-Filtern. PT4 und HM3 erlauben es, Hände nach Spieltyp zu filtern und die eigene Win-Rate je Szenario zu prüfen. Schwachstellen zeigen sich oft erst, wenn man die Ergebnisse nach Situation aufschlüsselt: Open, 3-Bet, Continuation Bet separat betrachten.
Range-Balance. Ab NL50 aufwärts gehören unausgewogene Ranges zu den häufigsten Ursachen einer schwachen Win-Rate. Wer auf dem Button mit 22 % öffnet, aber nur mit QQ+/AK 3-Bettet, wird von Stammspielern über Reverse-Blocker-Lines ausgenutzt. Ranges gründlich erarbeiten.
Bankroll-Management. Schlechtes Bankroll-Management verschleiert eine schwache Win-Rate oft als gewöhnliche Verlustserie. Bei +2 BB/100 braucht man 200 Buy-ins für ein Risk of Ruin von 5 %. Wer mit 50 Buy-ins antritt, spielt auch bei positivem Erwartungswert dauerhaft auf Kante.
Mental Game. Tilt kostet viele BB/100. Einfache Rechnung: $50 Tiltverlust pro Session, 50 Tilt-Sessions pro Jahr ergibt $2,500 – auf NL50 sind das 50 Buy-ins, die rein durch Emotionen verloren gehen. Pflichtlektüre: Jared Tendler, The Mental Game of Poker.
Stake-Abstieg für bessere BB/100. Wer auf NL50 bei −2 BB/100 feststeckt, geht zurück auf NL25, wo er +4 BB/100 schlägt. In absoluten Dollar verdient man weniger, aber der psychologische Komfort ist deutlich höher und der Skill-Aufbau läuft stabiler.
Typische Fehler bei der Win-Rate-Einschätzung
Zu kleine Stichprobe. Ein Spieler gewinnt +20 BB/100 über 5.000 Hände und hält sich für unschlagbar. Das ist Rauschen. Die echte Win-Rate liegt für Stammspieler in Mikro- und Low-Stakes fast immer zwischen −10 und +10 BB/100.
Brutto-ROI ohne Rake-Abzug. Auf ggpoker kann der Rake bei NL50 bis zu 4–5 BB/100 betragen und frisst damit einen Großteil der Brutto-Win-Rate auf. Immer mit Netto-BB/100 nach Rake rechnen.
Stakes mischen. Wer gleichzeitig NL10, NL25 und NL50 spielt, dem sagt eine gemeinsame Win-Rate überhaupt nichts. Für jeden Stakes-Level separat berechnen.
Format ignorieren. 6-max und 9-max haben unterschiedliche optimale Win-Rate-Bereiche, Zoom-Poker versus normaler Cash-Tisch ebenfalls. Der Tracker muss nach diesen Kategorien filtern.
Stichproben-Verzerrung. Ein Spieler trackt nur die Räume, in denen er registriert ist, und lässt Live-Sessions oder andere Plattformen außen vor. Das überschätzt die eigene Performance systematisch.
Keine Vorbereitung auf Downswings. Ein Spieler mit echter Win-Rate von +5 BB/100 wird Phasen mit −10 BB/100 über 20.000 oder mehr Hände erleben. Das ist normal. Wer das nicht aushält, gibt das Spiel auf, bevor die Varianz sich ausgleicht.
Wo die Win-Rate ihre Grenzen hat
Win-Rate ist eine statistische Schätzgröße, keine Prognose. Seinen wahren Win-Rate zu kennen bedeutet nicht, das morgige Ergebnis vorherzusagen. Die Varianz kann alles auswerfen, auch ±3 Sigma in einem einzigen Monat. Gute Spieler gehen manchmal ins Minus, schwache gewinnen gelegentlich enorme Summen.
Der Win-Rate lässt sich nicht einfach auf neue Stakes-Level übertragen. Ein Spieler mit +5 BB/100 auf NL10 landet nach dem Wechsel auf NL50 häufig bei −2 BB/100. Das heißt nicht, dass er schlechter geworden ist. Der Edge auf dem neuen Level ist schlicht geringer. Vorsichtig aufsteigen und dabei einen niedrigeren Win-Rate-Wert einkalkulieren.
Win-Rate berücksichtigt keine Opportunitätskosten. $10/Stunde im Poker bei einer Alternative von $30/Stunde (anderer Job) sind faktisch −$20/Stunde, auch wenn man technisch im Plus ist. Wer gefragte Fähigkeiten mitbringt, sollte das einrechnen.
Der langfristige wahre Win-Rate kann sich verschieben. Spieler entwickeln sich weiter, und ein vor zwei Jahren gemessener Wert ist heute möglicherweise nicht mehr aussagekräftig. Nach größeren Fortschritten neu messen: nach intensiver Solver-Arbeit, nach einer neuen Strategie oder nach dem Wechsel ins 6-max-Format. Außerdem kann der Win-Rate mit der Zeit sinken, wenn das Spielerfeld insgesamt stärker wird.
Häufig gestellte Fragen
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